Alternativen zu Terror, Big Business und Religionen

Der folgende Text von Luc Saner zu Terror, Big Business und Religionen ist zwar nach 9/11 geschrieben worden, aber nach wie vor aktuell.
www.aubonsens.ch
Der 11. September
Alternativen zu Terror, Big Business und Religionen
Luc Saner
1. Einleitung
a) Der 11. September, ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit? Keineswegs. Unter dem Titel „War on Terrorism“ wird der alte Kampf um Res- sourcen ausgefochten. Dabei dürften Öl- und Rüstungsgeschäfte im Vordergrund stehen.
Die Welt wird zu diesem Zweck nach bewährten religiösen Mustern in Gute und Böse aufgeteilt. Nach westlicher Lesart sind die Guten die Terroristenbekämpfer und die Bösen die Terroristen. Zu den Guten zählen die US-Truppen in Afgha- nistan, die auf ihrem Feldzug gegen das Böse rund 5’000 Zivilisten getötet haben. Flächenbombardierungen, unpräzise Bomben, Bombenabwürfe aus grosser Höhe und bewusst falsche Zielanweisungen der Nordallianz sind für diese Toten ver- antwortlich (vgl. Stahel, Krieg, S. 21). Zu den Bösen zählen die Taliban und die Al Kaida, denen direkt oder indirekt die Attentate in den USA vom 11. Septem- ber angelastet werden, wobei rund 3’000 Tote zu beklagen waren.
b) Die Resultate dieses Feldzuges gegen das Böse sind ernüchternd. So muss in Afghanistan Präsident Karzai von US-Truppen bewacht werden, ein Mordan- schlag gegen ihn und seine Regierung reiht sich an den anderen. Die Afghanen lassen sich wieder Bärte wachsen, die Afghaninnen tragen immer noch die Burka, Opium wird in grossem Stil angebaut und Al Kaida wütet weiter (vgl. Stahel, Kolonialstaat, S. 36 f., und Drogen, S. 11 f.). Die Terrorismusbekämpfung ist ein Fehlschlag. Doch dürfte anderes im Vordergrund stehen. Im Buch des ehemali- gen US-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard – American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, findet sich über Afghanis- tan eine aufschlussreiche Grafik, mit einer Pipeline von Norden nach Süden. Sie soll Öl vom Kaspischen Becken bis zum Indischen Ozean transportieren (Brzezinski, S. 146). Weitere Wirtschaftsinteressen kommen hinzu, die bis ins Umfeld von Präsident Bush (Sohn) reichen. So wurde kürzlich in der NZZ über die „Carlyle-Group“ berichtet (Cleis). Die Carlyle ist eine Private-Equity- Gruppe, welche vom ehemaligen US-Verteidigungsminister Frank Carlucci ge- leitet wird und zu deren Partnern politische Grössen zählen wie Präsident Bush (Vater), der ehemalige Staatssekretär James Baker und der frühere britische Pre- mierminister John Major. Carlyle will laut ihrer Homepage die weltweit führende Private-Equity-Gruppe werden. Zur Zeit zählen über 535 Investoren aus 55 Ländern zu ihren Kunden. Investitionen werden in den Rüstungs- und Energiesektor getätigt. Carlyle ist von verschiedener Seite kritisiert worden, ihr Beziehungsnetz auszunützen, indem sie wacklige Rüstungsunternehmen kaufe, für diese Regierungsaufträge beschaffe, um die Firmen mit Gewinn zu verkaufen. Bis vor kur- zem war Carlyle, die dem breiten Publikum aufgrund der US-Sicherheitsgesetze nicht offensteht, erstaunlicherweise mit der saudischen Familie bin Laden liiert.
c) Solche Geschichten liessen sich um Dutzende von Facetten ergänzen. Und sie fanden und finden überall auf unserem Planeten statt. Daran hat auch der 11. September nichts geändert. Aber sind solche Geschichten wirklich für alle Zeiten nötig? Oder gibt es Alternativen? Ich meine ja. Um diese Alternativen aufzuzeigen, werde ich fünf Konfliktfelder darstellen, die meines Erachtens zu den wahren Hintergründen des 11. Septembers gehören:
• die Fehleinschätzungen beider Seiten über die Tragfähigkeit ihrer Religionen, d.h. des Christentums, des Judentums und des Islams;
• das Bevölkerungswachstum, insbesondere in Verbindung mit dem Ressourcenverbrauch durch den Westen;
• die Fokussierung der Politik und der Wirtschaft des Westens auf die Marktkräfte und die Globalisierung dieser Ideen über die WTO;
• das undurchsichtige Nebeneinander offizieller und privater Weltpolitik;
• die verdeckten Aktionen der Geheimdienste, insbesondere der CIA,
und der Wahn des Terrorismus.
2. Fehleinschätzungen des Christentums, des Judentums und des Islams
a) Menschliche Gesellschaften kennen in der einen oder anderen Form Reli- gionen. Heute gehört das Christentum mit fast zwei Milliarden Anhängern, der Islam mit fast einer Milliarde Anhängern, der Hinduismus mit 750 Millionen Anhängern und der Buddhismus mit rund 500 Millionen Anhängern zu den am weitest verbreiteten Religionen. Das Judentum kann knapp 20 Millionen Anhän- ger sein eigen nennen, während rund eine Milliarde Menschen sich zu keiner Re- ligion bekennen (vgl. O’Brian/Palmer, S. 23 bis 29 und 41 sowie die Übersicht bei Eggenberger und Reller/Kiesig).
Diese Religionen befassen sich insbesondere mit der Frage nach Gott und der Schöpfung, dem Ende des weltlichen Daseins, der Idee der Wiedergeburt und dem Tod, stellen Verhaltensregeln auf und verehren ihre Propheten und Religi- onsgründer. Trotz diesen im wesentlichen übereinstimmenden Fragestellungen sind die Antworten der Religionen in diesen Punkten oft verschieden (vgl. O’Brian/Palmer, S. 88 bis 95; Die fünf grossen Weltreligionen).
b) Allein schon dies lässt Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Religionen auf- kommen, insbesondere da sich auch keine Anhaltspunkte dafür finden lassen, dass eine dieser Religionen sich vor allen anderen auszeichnet. Vielmehr drängt sich die Annahme auf, dass all diese Religionen nicht göttlicher, sondern menschlicher Herkunft sind. Dies gilt umso mehr, als ihre Inhalte durchwegs den Vorstellungen der Zeit entsprechen, in der ihre Verkünder lebten. So sind Bibel,
Testament und Koran weit über 1’000 Jahre alt. Dementsprechend überholt sind viele ihrer Vorstellungen, insbesondere das anthroprozentische Weltbild.
c) Neben den generellen Vorbehalten gegenüber den grossen Weltreligionen muss nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Existenz eines persönlichen Gottes ausgeschlossen werden, wie ihn das Christentum, der Islam und das Judentum postulieren (vgl. Kaspar, S. 118 ff., zum Christentum; van Ess, S. 67 ff., zum Islam; Goldberg, S. 97, zum Judentum). Die zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Universums schliessen es aus, dass das Univer- sum um der Menschheit willen geschaffen wurde resp. existiert. Vielmehr muss die Menschheit als Folge und Bestandteil eines seit rund 15 Milliarden Jahren andauernden Evolutionsprozesses verstanden werden. Dieser Evolutionsprozess begann nach der heute herrschenden Lehre mit einem Urknall, brachte über hun- dert Milliarden Galaxien mit jeweils Hunderten von Milliarden Sonnen hervor und liess auf unserem Planeten vor vier Milliarden Jahren das Leben und auch uns Menschen entstehen.
Nehmen wir an, dass das Alter des Universums von rund 15 Milliarden Jahren einem Jahr entspricht, einem für uns überschaubaren Zeitraum. Bei dieser Betrachtungsweise taucht unser Vorfahre, der Homo erectus, am 31. Dezember dieses hypothetischen Jahres knapp eine Stunde vor Mitternacht auf. Der Homo sapiens, der heutige Mensch, betritt knapp drei Minuten vor Mitternacht unseren Planeten. Das Jahr Null unserer Zeitrechnung, das ungefähre Datum der Geburt Christi, beglückt uns gut vier Sekunden vor dem Jahreswechsel. Ist es möglich, dass wegen dieser kurzen Zeit ein ganzes Jahr vergehen muss?
Nehmen wir an, das heute bekannte Universum mit seinem Durchmesser von etwa 30 Milliarden Lichtjahren würde auf die Grösse der Erde schrumpfen. Bei dieser Betrachtungsweise hätte unsere Galaxie, die Milchstrasse, noch einen Durchmesser von rund 40 Metern. Unsere Sonne wäre bereits nur noch halb so gross wie ein Wasserstoffatom. In einem Gramm Wasserstoff gibt es 6 x 10 Wasserstoffatome. Unsere Erde wäre etwa fünfhundertmal kleiner als ein Was- serstoffatom. Ein einzelner Mensch wäre bei dieser Sichtweise kleiner als die kleinsten Quarks, die die Atomkerne bilden. Würden alle sechs Milliarden der- gestalt verkleinerten Menschen einander auf die Köpfe stehen, würde diese Pyramide weniger als ein Millionstel Millimeter hoch sein, selbst wenn man von einer Durchschnittsgrösse dieser Menschen von zwei Metern ausgehen würde. Kann man im Ernst annehmen, dass dieses schwankenden Gebildes wegen von nicht einmal einem Millionstel Millimeter Höhe die Erde geschaffen wurde?
d) Das Christentum, das Judentum und der Islam als anthroprozentische Re- ligionen vermischen in verhängnisvoller Weise das Ende des weltlichen Daseins, Wiedergeburt und Tod, die ganz verschiedene Ebenen treffen. Das Ende des weltlichen Daseins wird dem Untergang der Subspezies homo sapiens sapiens im irdischen Leben samt Aburteilung durch das Jüngste Gericht gleichgesetzt (vgl. O’Brian/Palmer, S. 91). Doch dürfte selbst der Untergang unserer ganzen Gala- xie, der Milchstrasse, für das Universum völlig bedeutungslos sein. Umso weni- ger kann das Aussterben einer einzelnen Unterart auf einem Planeten mit dem „Weltuntergang“ gleichgesetzt werden. Diese homozentrische Sicht der Dinge ist nicht nur falsch, sondern auch verhängnisvoll, weil sie den wahrscheinlichsten Evolutionsschritt für den Menschen gar nicht erwägt, nämlich dessen Aussterben bei grundsätzlich unverändertem Weiterbestand des Planeten Erde und seiner Lebewesen. So sind diejenigen Arten recht kurzlebig, die wie wir zu den „Homi- niden“ zählen. Von dem knappen Dutzend Arten resp. Unterarten „Hominiden“ überlebte keine wesentlich länger als eine Million Jahre, manche jedoch bloss ein-, zweihunderttausend Jahre. Man geht davon aus, dass oft Klimaschwankun- gen zum Aussterben führten. Ein mögliches Szenario für das Aussterben unserer Subspezies, die mittlerweise seit knapp hunderttausend Jahren die Erde bevöl- kert, könnte auch die Verbreitung einer tödlichen Seuche sein, begünstigt durch die Bevölkerungsdichte, geschwächte Immunsysteme und die rege Reisetätigkeit.
e) Im Resultat ergibt sich, dass keine der Kriegsparteien sich in zentralen Fragen auf einen religiösen Standpunkt stellen kann, der den heutigen Erkennt- nissen der Evolutionstheorien standhält. Es ist erschreckend und gefährlich, dass vor allem in den hochgebildeten und hochgerüsteten USA noch ein derart rückständiges Klima herrscht.
3. Nachhaltige Entwicklung
a) Aller Orten wird zwar eine nachhaltige Entwicklung gefordert. Dabei geht es darum, Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung in ein stabiles Gleichgewicht zu bringen. Der Westen, mit seinem exorbitanten Ressourcenverbrauch, ist weit davon entfernt, ein derartiges Gleichgewicht zu erreichen.
b) So hat Gonzague Pillet 1993 für die Schweiz errechnet, dass sie bloss eine Million statt der heute rund sieben Millionen Einwohner beherbergen dürfte, wenn sich diese Einwohner allein auf die landeseigenen, erneuerbaren Ressour- cen stützen könnten. Eine Studie, die 1995 vom Umwelt- und Wirtschaftsbera- tungsbüro Infras, Zürich, vorgelegt wurde, stellt aufgrund des Ressourcen- verbrauchs und der Umweltbelastung in der Schweiz fest, dass heute eine Über- nutzung von Ressourcen und Umwelt um durchschnittlich das Drei- bis Acht- fache erfolgt (Infras, S. 8).
Zu einem ähnlichen Resultat gelangt eine entsprechende Berechnung für die USA. David und Marcia Pimentel haben 1991 festgehalten, dass die USA ge- stützt auf die landeseigenen, erneuerbaren Ressourcen das „gegenwärtige hohe Niveau von Energieverbrauch, Lebensstandard und Wohlstand“ nur beibehalten können, wenn eine Bevölkerungszahl zwischen 40 und 100 Millionen angestrebt wird (zitiert bei Pillet, S. 30, Fussnote 3). So verbraucht allein der US-Transport- sektor mehr als die landeseigene Ölproduktion. Die untere Grenze von 40 Millionen Einwohnern würde für die USA rund sechsmal weniger Einwohner als heute bedeuten. Dies würde heissen, dass die Bevölkerungsdichte von
22 26Menschenprokm aufgutvierEinwohnerprokm sinken müsste.

c) Statt diese Situation der Bevölkerung zu kommunizieren und daraus die nötigen Schlüsse zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums insbesondere im Westen zu ziehen, versuchen vor allem die USA mit allen Mitteln, sich die Herr- schaft über die weltweiten Rohstoffe, insbesondere über die Ölquellen in den arabischen Staaten, zu sichern. Ein dauerhafter Konflikt ist so unumgänglich.
4. Markt und Globalisierung
Im Gleichklang mit dieser Wachstumsideologie und in Ermangelung einer um- fassenden, tragfähigen Weltanschauung wird der „Markt“ zur weltweiten Religi- on erhoben, Big Business gleichsam heilig gesprochen. Namentlich mittels der WTO und ihrem Regelwerk wird die Idee des Marktes im globalen Massstab ex- portiert. Eine derartige ideologische Monokultur muss scheitern. Die im schwer durchschaubaren WTO-Regelwerk jüngst eingebrachten Bestimmungen zum Umweltschutz (Senti, S. 294 ff.) und zum Schutze der wirtschaftlichen schwa- chen Staaten (Senti, S. 259 ff.) zeigen immerhin, dass sich die eindimensionale ökonomische Sichtweise auf dem Rückzug befindet.
5. Offizielle und private Weltpolitik
a) Eng mit der Idee der Marktwirtschaft ist die Idee der privaten Weltpolitik verknüpft. Ihre Wurzeln reichen bis zu „Glorious Revolution“ von 1688 in Eng- land zurück, womit die Begrenzung staatlicher Macht und die Unantastbarkeit des Privaten institutionalisiert wurden. John Locke verarbeitete diese politische Revolution 1689 in seiner Schrift „Two treatises of government“.
b) Im Freimaurertum fanden diese Ideen und die Idee der freien Marktwirt- schaft eine schlagkräftige Organisation, die im Verborgenen tatkräftig wirkte. Serviceclubs wie Rotary und Lions Clubs, beide aus den USA stammend, sorgten für eine Einbindung auch des einfacheren Bürgertums in die herrschenden Krei- se. Durch die Gründung sogenannter „Think Tanks“ wurde die Politikplanung auf eine solidere Grundlage gestellt. Cecil Rhodes (1853-1902), ein britischer Finanzier und Begründer eines Wirtschaftsimperiums im südlichen Afrika, ini- tiierte mit der sogenannten Rhodes-/Milner-Gruppe, einer „Geheimgesellschaft“, das Modell für alle späteren, von privater Seite eingerichteten internationalisti- schen Politikplanungsgruppen. Die Rhodes-/Milner-Gruppe nahm wesentlichen Einfluss auf die Konzeption des späteren Commonwealth.
c) Nach dem Ende des ersten Weltkrieges entstand der Council on Foreign Relations (CFR) in New York und, als transatlantisches Vehikel, die Bilder- berger-Konferenzen, die erstmals 1954 in den Niederlanden stattfanden. Auf An- regung von David Rockefeller entstand Anfang der Siebzigerjahre die Trilaterale Kommission, die gleichgewichtig aus nordamerikanischen, europäischen und japanischen Mitgliedern zusammengesetzt war. Am deutlichsten war der Einfluss der trilateralen Kommission während der Regierungszeit von US-Präsident Jimmy Carter zu spüren, dessen Kabinett im wesentlichen aus Kommissionsmit- gliedern bestand. Auch später war die Kommission höchst einflussreich. So gehörten ihr in den Achtzigerjahren Vorstandsmitglieder von etwa zwei Dritteln der hundert grössten internationalen Konzerne an. Die trilaterale Kommission emp- fahl die Durchführung regelmässiger Weltwirtschaftsgipfel. Dazu gehört auch das 1971 von Klaus Schwab initiierte Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, das heute die umfassendste Form privater, internationaler Planung darstellt. Das Treffen in Davos, neu in New York, ist zum Weltparlament des globalen Unter- nehmertums geworden. Ausgewählte Kritiker der liberalen Weltordnung werden gleichermassen als „Sparring Partner“ eingeladen. (Zum ganzen: van der Pijl, S. 82 ff.)
d) Obwohl private „Think Tanks“ und die weltweite Verbreitung der Markt- wirtschaft als solche zu begrüssen sind, darf die staatliche Ebene nicht durch we- nige Private mit eindimensionaler Optik beherrscht werden. So ist der soziale Friede nicht zu sichern. Und so wird die Vielfalt möglicher Lebensgestaltungen und möglicher Ideen ohne ausreichende Legitimation unterdrückt, was unserer kulturellen Evolution Schaden zufügt.
6. Geheimdienste und Terrorismus
a) Alexander von Bülow, ehemaliger Staatssekretär im deutschen Verteidi- gungsministerium, erklärte kürzlich im deutschen Fernsehen ARD zum Afgha- nistan-Konflikt: „Wir haben es nicht … mit einem Zusammenstoss der Kulturen, der Zivilisationen zu tun. Wir haben es mit marodierenden ehemaligen CIA- Mitarbeitern zu tun.“ In der Tat unterstützte die CIA die Mudschaheddin und damit insbesondere auch die Taliban, um den sowjetischen Vormarsch in Afgha- nistan zu stoppen, dieselben Taliban, die Osama bin Laden Gastrecht gewährten.
Die CIA, der wohl weltweit wichtigste Geheimdienst, wurde im Jahre 1947 durch Präsident Truman als „Waffe im kalten Krieg“ ins Leben gerufen. Mit sei- nen verdeckten Aktionen und seiner Desinformationspolitik verletzt der CIA regelmässig diejenigen Werte, die gemeinhin die westliche Welt hoch- und zu- sammenhält: Rechtsstaat, Freiheit und Selbstverantwortung (vgl. statt vieler Prime Time Television London). Damit aber hat sich die USA auf das Niveau der von ihr bekämpften Kommunisten heruntergelassen. Wie die sowjetische Partei der marxistischen Leninisten wollen die USA ihre Heilslehren nach dem Motto: „Der Zweck heiligt die Mittel“ dem Rest der Welt aufzwingen. Diese Strategie ist bereits im Falle der Sowjetunion gescheitert und generell hoch- riskant. Und sie verletzt das wichtigste Führungsprinzip, nämlich das Führen durch ein glaubwürdiges Vorbild. Wichtige Ziele der USA-Aussenpolitik lassen sich so meines Erachtens nicht erreichen. Weder wird dadurch die Sicherheit der USA erhöht, noch deren Wohlstand gemehrt und schon gar nicht Demokratie und Frieden überall in der Welt gefördert. Dass die USA mit diesem Verhalten nicht alleine sind, macht das Ganze auch nicht besser.
b) Der Terrorismus, wie immer er zu definieren wäre, ist bei dieser Sicht der Dinge nichts anderes als das Spiegelbild des geschilderten staatlichen Verhaltens.
Trotz hehrer Ziele ist er dementsprechend auch nicht besser als der „Staatsterrorismus“.
7. Was ist zu tun?
a) Die Stärken der Religionen sind weniger ihre Antworten als ihre Fragen. Ich empfehle, religiösen Fragestellungen auf der Grundlage der naturwissen- schaftlichen Vorstellungen über die Evolution zu beantworten (vgl. Saner, Religionen).
Wenn die naturwissenschaftlich begründeten Evolutionstheorien gegenüber den Religionen als Weltbild bevorzugt werden, beruht dies auf verschiedenen Über- legungen. So werden die einschlägigen Theorien durch Experimente falsifiziert und haben sich in unzählichen Anwendungen bewährt. Zudem entsprechen sie dem neuesten Stand der Wissenschaften und werden laufend aktualisiert. Es be- steht ein steter Wettbewerb um die besten Ideen, an der eine Vielzahl von inter- national tätigen Wissenschaftlern beteiligt sind. Auswahl und Wissen der ent- sprechenden Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sie die „Verständigsten“ sind. Schliesslich lässt sich trotz vielen Lücken ein überzeugender Zusammen- hang der Theorien aufzeigen, nämlich die Idee einer umfassenden Evolution.
b) Die nachhaltige Entwicklung ist nach meinem Verständnis eine Entwick- lung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künf- tige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Dies be- deutet, dass Bevölkerungszahl, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung in ein stabiles Gleichgewicht gebracht werden müssen. Es lassen sich drei Stufen der Stabilität unterscheiden:
– Die erste Stabilitätsstufe ist dann erreicht, wenn unsere Art als Ganzes überlebt. Allerdings ist das Aussterben von Arten ein Evolutionsmerkmal, so dass unser langfristiges Überleben unwahrscheinlich ist.
– Die zweite Stabilitätsstufe ist dann erreicht, wenn eine unfreiwillige Ver- minderung der Bevölkerungszahl verhindert wird. Dies ist heute nicht gewähr- leistet. Immer noch sterben täglich Tausende Menschen den Hungertod und ein- schlägige Katastrophen führen regelmässig zu Massensterben.
– Die dritte Stabilitätsstufe ist schliesslich bei einer mehr oder weniger voll- ständigen Befriedigung unserer bewerteten Bedürfnisse erreicht. Diese Stufe zu erreichen und langfristig sicherzustellen, wäre das maximale strategische Ziel. Dies erscheint zurzeit global als nicht möglich; auch regional erscheint dies allenfalls zeitlich befristet in einem gewissen Umfang möglich. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die wirtschaftlich entwickelten Staaten ihre Bedürfnisbefriedi- gung nur auf Kosten anderer Staaten sicherstellen können.
In dieser Situation ist die Bevölkerung derart zu reduzieren, dass deren Zahl im Verhältnis zu ihrem Ressourcenverbrauch und der Umweltbelastung den Grund- sätzen der Nachhaltigkeit der dritten Stabilitätsstufe genügt. Aufgrund diverser Berechnungen sollte, grob geschätzt, eine generelle Reduktion der Weltbevölkerung auf durchschnittlich einen Zehntel des heutigen Bestandes angestrebt werden. Dies ergibt neu eine Weltbevölkerung von 600 Millionen Menschen und führt bei einer totalen Landfläche von knapp 150 Millionen km zu einer Bevölkerungsdichte von rund vier Menschen pro km , entspricht also der heutigen
Bevölkerungsdichte Australiens und Kanadas.
Bei der anzustrebenden Bevölkerungsreduktion sind die regionalen Reduktionen nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit zu bemessen. Parallel dazu ist es un- umgänglich, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung insbesondere durch technische Massnahmen zu beschränken. Eine derartige Lösung muss so recht- zeitig eingeleitet werden, dass sie allein über Anreizsysteme und Überzeugungs- arbeit verwirklicht werden kann. Zwang ist fehl am Platz.
Mit einer derartigen Bevölkerungsreduktion sind eine Vielzahl weiterer Vorteile, zum Beispiel in der Ausländer- und Arbeitsmarktpolitik, verbunden. So ist anzunehmen, dass bei einer Weltbevölkerung von einer halben Milliarde Menschen deutlich weniger Wanderungsbewegungen nötig und zudem besser verkraftbar sind als heute. Weiter ist damit zu rechnen, dass ein Rückgang der Arbeitskräfte die Arbeitslosigkeit eher vermindert als das heute herrschende weltweite Bevöl- kerungswachstum von jährlich über 80 Millionen Menschen.
c) Die im Westen herrschende Religion des Marktes ist durch eine umfassende Weltanschauung abzulösen.
Dies bedeutet, dass wir Menschen die sinnvollen Ziele der kosmischen und bio- logischen Evolution suchen müssen. Die Suche nach den sinnvollen Zielen der Evolution ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Aufgabe. Sie richtet sich in erster Linie an die Naturwissenschaften. Internationale Zusammenarbeit ist un- umgänglich. Diese Sinnsuche soll das grosse gemeinsame Projekt der Mensch- heit werden. Zu diesem Zweck liesse sich für den naturwissenschaftlichen Teil vielleicht die Rüstungsindustrie gewinnen, die sich heute nur indirekt mit den Evolutionstheorien befasst. Die Rüstungsindustrie befindet sich aber in vielen für die Evolutionstheorien wichtigen Gebieten an der Spitze der Wissenschaften. Dazu zählen die Raumfahrt sowie die Computer- und Atomtechnologie, aber auch die Grundlagenforschung der Physik, Chemie und Biologie. Für die Ent- wicklung des geisteswissenschaftlichen Teils dieser neuen Weltsicht liessen sich vielleicht die religiösen Organisationen gewinnen, vor allem aufgrund ihrer theo- logischen, philosophischen und organisatorischen Kompetenz. Damit könnten viele Arbeitsplätze erhalten bleiben, so dass der Verzicht auf die alten Aufgaben leichter fallen würde. Zudem würden Hunderte von Milliarden Dollars für die Erforschung der Evolution zur Verfügung stehen. So betrugen gemäss den Zah- len des Londoner Institute for Strategic Studies die weltweiten Rüstungsausgaben im Jahr 2000 811 Milliarden Dollar. Es ist absehbar, dass die weltweiten jährli- chen Rüstungsausgaben die Schallmauer von 1’000Milliarden Dollar bald durchbrechen werden, Geld, das wahrlich gescheiter eingesetzt werden könnte. Die Suche nach den sinnvollen Zielen der Evolution ist schon lange im Gange. Wissenschaftliche Tätigkeit ist, seit es sie gibt, darauf ausgerichtet. Mit der Idee der Sinnsuche soll der Menschheit die gemeinsame Grundlage vor Augen geführt werden, hinter dem sie sich über alle Grenzen hinweg vereinigen kann. Ich erhof- fe mir davon einen Abbau unnötiger, insbesondere ideologischer Konflikte. Es soll vermehrt das Verbindende statt das Trennende aufgezeigt werden. Ein Studium generale kann uns dabei helfen (vgl. Saner, Studium).
Gleichzeitig müssen wir den jeweils aktuellen Sinn bestimmen. Damit stellen wir unsere kulturellen Evolutionen auf eine ausreichend breite Grundlage. Ein ent- sprechend ausgestaltetes Staatsleitungsmodell kann uns dabei helfen (vgl. Saner, Staatsleitung).
d) Die Stärke der privaten Weltpolitik ist auch ein Zeichen der Schwäche der offiziellen Weltpolitik. Alle vorgenannten Massnahmen sind dazu geeignet, diese Schwächen zu beheben.
e) Gleiches gilt für die Existenz und Arbeitsweise der Geheimdienste und des Terrorismus. Dies erhellt, dass nur konzertiertes Vorgehen Erfolg verspricht. Die Geheimdienste sollten sich grundsätzlich auf das Sammeln von einschlägi- gen Informationen konzentrieren, um nicht mit ihren verdeckten Aktionen und ihrer Desinformationspolitik ein falsches Vorbild abzugeben.
f) Ich bin überzeugt, dass die geschilderten Massnahmen uns weiter bringen als Terror, Big Business und die dabei aufeinanderprallenden Religionen. Zum Gedächtnis aller Opfer dieser Attentate und Kriege sollten wir Menschen zumin- dest versuchen, alte Reflexe zu überdenken und uns auf neue Wege zu begeben.

 

Quellenverzeichnis
Brzezinski
Cleis
Die fünf grossen Weltreligionen
Eggenberger
Goldberg
Infras
Kaspar
O’Brien/Palmer
Pillet
Prime Time Television London
Reller / Kiesig
Saner, Religionen
Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard – American Primacy and its Geostrategic Imperatives, New York 1997
Andreas Cleis, Owest löst 7 Milliarden für ihre Telefon- bücher, in: Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 21. August 2002, S. 11
Die fünf grossen Weltreligionen, herausgegeben von Emma Brunner-Traut, 7. Auflage, Freiburg, Basel und Wien 1991
Oswald Eggenberger, Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, 5. Auflage, Zürich 1990
Arnold M. Goldberg, Judentum, in: Die fünf grossen Weltreligionen, herausgegeben von Emma Brunner- Traut, 7. Auflage, Freiburg, Basel und Wien 1991, S. 88 ff.
Infras, Quantitative Aspekte einer zukunftsfähigen Schweiz, Zürich 1995
Walter Kaspar, Christentum, in: Die fünf grossen Welt- religionen, herausgegeben von Emma Brunner-Traut, 7. Auflage, Freiburg, Basel und Wien 1991, S. 109 ff.
Joanne O’Brien und Martin Palmer, Weltatlas der Religionen, Bonn 1994
Gonzague Pillet, Elemente einer Untersuchung der ökologischen Tragfähigkeit von national begrenzten Lebensräumen, Genf 1993
Prime Time Television London in Coproduktion mit derBBC, den USA, dem Bayerischen und dem Nord- deutschen Rundfunk, Manuskript zur Sendereihe: CIA – Waffe im kalten Krieg, Tele-Manuskriptdienst, München 1993
Handbuch Religiöse Gemeinschaften, im Auftrag des Lutherischen Kirchenamtes, herausgegeben von Horst Reller und Manfred Kiesig für den VELKD-Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften, 3. Auflage, Gütersloh 1985
Luc Saner, Religionen, Rituale und Symbole, Basel 2002 (nicht im Buchhandel, siehe http://www.aubonsens.ch/religion. html)
Saner, Staatsleitung
Saner, Studium
Senti
Stahel, Drogen
Stahel, Kolonialstaat
Stahel, Krieg
The Carlyle Group van der Pijl
van Ess
Luc Saner, Ein Staatsleitungsmodell, Basel 2000 (nicht im Buchhandel, siehe http://www.aubonsens.ch/staat.pdf)
Luc Saner, Das Studium generale, Basel 2002 (nicht publiziert, siehe http://www.aubonsens.ch/studium.htm)
Richard Senti, WTO, Zürich 2000
Albert A. Stahel, Drogenanbau und -handel am Beispiel von Afghanistan, in: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift (ASMZ), Frauenfeld, Beilage zur ASMZ Nr. 7/8/2002, S. 11 ff.
Albert A. Stahel, Afghanistan 2002: ein Kolonialstaat?, in: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift (ASMZ), Frauenfeld, Nr. 7/8/2002, S. 36 f.
Albert A. Stahel, Afghanistan 2001/2: ein moderner Krieg?, in: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift (ASMZ), Frauenfeld, Nr. 3/2002, S. 20 ff.
http://www.thecarlylegroup.com/profile.htm
Kees van der Pijl, „Private Weltpolitik“, Zur Geschichte der liberalen Weltordnung, in: Die Privatisierung der Weltpolitik, Tanja Brühl, Tobias Debiel, Brigitte Hamm, Hartwig Hummel, Jens Martens / Hrsg.), Bonn 2001,
S. 82 ff.
Josef van Ess, Islam, in: Die fünf grossen Welt- religionen, herausgegeben von Emma Brunner-Traut, 7. Auflage, Freiburg, Basel und Wien 1991, S. 67 ff.
In verkürzter Form in der Basellandschaftlichen Zeitung, Liestal, am 23. Mai 2002 und in der Basler Zeitung, Basel, am 30. September 2002 publiziert.
© Luc Saner, Basel, 2002. Alle Rechte vorbehalten. Internet: http://www.aubonsens.ch/usa.pdf
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