Schweizer Suchtexperten fordern regulierte Drogenfreigabe

Wie 20 Minuten berichtet, haben sich der Fachverband Sucht, das Groupement Romand d’Etudes des Addictions (GREA) und die Schweizerische Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM) in einem gemeinsamen Positionspapier für eine kohärente Suchtpolitik eingesetzt.

Aus der Pressemitteilung zum Positionspapier
Die drei Verbände halten grundsätzlich fest, dass der Suchtproblematik durch eine simple Einteilung in erlaubte und verbotene Substanzen nur sehr unbeholfen begegnet werden kann. Vielmehr müsse die Kriminalisierung der Konsumierenden gestoppt werden; alle Suchtmittelmärkte seien aus der Illegalität zu holen: «Der Zugang zu Suchtmitteln ist – nach Massgabe der effektiven Gefährlichkeit des jeweiligenSuchtmittels und in Berücksichtigung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen –klar zu regulieren.» Das sei die Voraussetzung, um im Zielkonflikt zwischen individueller Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung und wirtschaftlichen Interessen die bestmögliche Balance zu finden.

Dabei sind die grundsätzliche Mündigkeit der BürgerInnen ebenso zu respektieren wie die gesellschaftlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Ordnung. Eine gesundheitsförderliche Suchtpolitik muss in der Konsequenz einen kohärenten Umgang mit allen Suchtmitteln finden. Dabei gilt es, einer möglichst grossen Zahl von Menschen jene Kompetenzen zu vermitteln, die einen möglichst risikoarmen Umgang mit psychoaktiven Substanzen und suchterzeugenden Verhaltensweisen(z.B. Glücksspielsucht, Bildschirm-Sucht etc.) ermöglichen. Ideologische Abstinenzappelle sind dabei so wenig hilfreich wie eine allzu liberale Laisser-faire-Politik. Suchtpolitik muss vielmehr als Querschnittspolitik verstanden werden, «die alle Bereiche und Aufgaben der Politik tangiert und die Schaffung von Rahmen- und Lebensbedingungen unterstützt, welche die Entwicklung von Kompetenzen und Selbstverantwortlichkeit des Individuums fördert.» Mit der Forderung nach einer «kohärenten Suchtpolitik» stellen sich die drei Fachverbände auch hinter den wegweisenden Bericht psychoaktiv.ch der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen.

Die drei Fachgesellschaften geben ein klares Bekenntnis zur bundesrätlichen Vier-Säulen-Politik ab. Diese Politik setzt auf eine ausgewogene Mischung aus Prävention, Therapie, Schadenminderung und Repression. Sie wird seit über einem Jahrzehnt mit grossem Erfolg praktiziert und hat unter anderem die offenen Drogenszenen auf dem Platzspitz und dem Letten zum Verschwinden gebracht. Aktuell ist dieses Bekenntnis, weil der Ständerat in der Dezembersession die gesetzliche Verankerung der Vier-Säulen-Politik im Rahmen der Teilrevision des Betäubungsmittelgesetzes behandeln wird.

Die Veröffentlichung eines gemeinsamen Positionspapiers von Fachleuten medizinischer, sozialarbeiterischer und psychologischer Ausrichtung ist ein Novum. Moderne Suchthilfe wird so fachlich und politisch als multidisziplinäre Herausforderung positioniert, in der gefragt wird, welche Disziplin in welchem Abschnitt der Behandlungskette welche Aufgabe wahrnehmen kann. Damit wenden sich die drei Fachverbändeprogrammatisch gegen Tendenzen, die einzelnen Professionen und Ansätze gegeneinander auszuspielen.

Download: das Positionspapier der Schweizer Suchtexperten

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