Ibiza-Update 2, Juli 07

Juli 29, 2007

In den Sommermonaten fahren manche Leute hier wie vom Teufel besessen, wahrscheinlich sind sie es auch. Immer wieder sieht man waghalsige Ueberholmanöver auf kurvigen, unübersichtlichen Strassen und immer wieder Wracks am Strassenrand. Letzthin wurden wir Zeugen eines grausigen Unfalls, wo einem alten Bauern beide Beine abgerissen und der Rest seiner Leiche über ein Kilometer mitgeschleppt wurde. Der Todesfahrer, ein junger Brite, fuhr dann in seinem demolierten Auto noch zehn Kilometer weiter, bis er sich der Polizei stellte. Es ist beängstigend.

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Strassenmarkierung auf Ibiza

Gestern im “Diario de Ibiza” die Geschichte eines ungarischen Pärchens, deren Leichen im Wald gefunden wurden. Er hatte sie offenbar in einem perversen Sexual-Akt erwürgt und dann, vielleicht erschreckt über seine nicht unbedingt so gewollte Tat, sich selbst umgebracht.

Im Leserbrief-Teil derselben Zeitung beklagt sich die Halterin einer Strandkneipe bei San Antonio (britisch besetztes Gebiet), dass ihre Familie täglich von schwer betrunkenen Gästen angepöbelt wird. Es wird ins Lokal gepinkelt, Mobiliar beschädigt und die Zeche geprellt. Letzthin wurde die Schwester der Schreibenden mit mehreren Messerstichen verletzt, und die Guardia Civil brauchte über eine Stunde, um am Ort des Geschehens zu erscheinen. Die Schreiberin vermerkt verbittert, dass beim höchst umstrittenen Autobahnbau des Matutes-Clans die Polizei in Hundertschaften bereitstand, um die Zwangsenteignungen und die Zerstörung von Häusern und Kulturland vor dem Zorn der Bevölkerung zu beschützen.

Wrack
Wieder mal ein Wrack neben der Strasse

In diesem Zusammenhang ist auch die diesjährige Schliessung von einigen Discotheken, Clubs und Bars zu sehen, über die ich in meinem ersten Ibiza-Update geschrieben habe. In seltener Einmütigkeit verkündeten Lokalpolitiker wie auch die britische Botschafterin, dass die Zeit des “Anything Goes” abgelaufen sei. Nach diversen sensationalistischen Medienberichten hatte das Image Ibizas einen neuen Tiefpunkt erreicht, und dies zu Recht - der Abschaum hat Ibizas touristische Gegenden erobert, man kann es leider nicht anders ausdrücken. Nun soll nach Wunsch der Behörden alles diskreter ablaufen, das war wohl in etwa das Signal an die wegen Drogenhandels geschlossenen Clubs. Amnesia ist inzwischen wieder geöffnet.

Angetrieben von der Geldgier einheimischer und zugewanderter Hoteliers und Geschäftsleute wird einerseits mit Billigreisen alkoholisiertes Proletariat herangekarrt und andererseits hochprofitable Club-, Party- und Drogentouristen, die gnadenlos abgezockt werden mit Eintrittspreisen von 90 EUR in Clubs, wo ein Bier 18 EUR kostet.

Die Politik ist hilflos. Die PP (Partido Popolar) ist nur an Zement und Asphalt interessiert, weil so die herrschenden Clans am meisten absahnen können. Die jetzt herrschenden Sozialisten (die die Wahl mit 38 Stimmen Differenz gewonnen haben) meinen es gut, aber sind weder zur klaren Analyse noch zur durchgreifenden Aktion fähig. Nicht einmal der dringend nötige massive Ausbau des öffentlichen Verkehrs wird angepackt. So geht das Kräftespiel des entfesselten Kapitalismus ungehindert weiter.

Vor Jahrzehnten in den 60er-Jahren, war Ibiza das Paradies der Hippies gewesen. Regiert hatten “Shit und Trips”, also Haschisch und LSD. Das waren Zeiten gewesen, idyllisch und romantisch. Natürlich gab es auch damals private Dramen, aber die Gesamtstimmung war freundlich zu Natur und Menschen. Heute sind Kokain, Ecstasy (womit nicht reines MDMA gemeint ist), Ketamin und GHB die vorherrschenden Drogen - und natürlich vor allem Alkohol in rauhen Mengen. Und weiterhin präsentiert die im Sommer massiv verstärkte Drogenpolizei (Vorsicht auf den Fähren!) stolz ihre Cannabis-Beute, wenn sie wieder mal einen Kleindealer oder einen Touristen mit privatem Drogenproviant erwischt haben.

Trotz allem: wer mehr als nur ein paar wenige Schritte in die Natur tut, weg von Bars und Verkehr, der kann nach wie vor die majestätische Schönheit dieser Insel erleben. Und auf dem Land gibt es immer noch die friedlichen und gemütlichen Szenen sowie stets lächelnde Ibicencos. Ein unglaublicher Kontrast.


Goa-Parties auf Ibiza unterdrückt.

April 8, 2007

Kürzlich waren wir auf Ibiza an einer unkommerziellen Goa-Party. Die PsyTrance-Freaks hatten an einer wunderschönen Location an der Küste ein cooles Setup gebaut mit Deko und einem kleinen Chill-Zelt. Friedliche Stimmung mit Goa-Beats und sehr netten Leuten, bis um halb vier Uhr morgens die Guardia Civil kam und die Fiesta abrupt beendete, nicht ohne einige junge Leute mit Durchsuchungen von Auto und Tascheninhalt zu belästigen. Wobei die Beamten, wenigstens zu uns, durchaus korrekt und überhaupt nicht bösartig auftraten.

Ist doch verrückt - ausgerechnet auf Ibiza, der Party-Insel schlechthin, werden spontane und unkommerzielle Goa-Parties seit Jahren systematisch unterdrückt. Einige Organisatoren haben sogar Inselverbot erhalten. Man munkelt, dass die kommerziellen Club-Betreiber Angst haben vor der Nonprofit-Konkurrenz. Schade für Ibiza, wo die Hippies und Freaks nur noch als Staffage geduldet sind, und wo nun alles für die Reichen und Superreichen hergerichtet wird mit neuen Luxus-Hotels, Golfplätzen und Yacht-Häfen. So soll es weitergehen gemäss der regierenden Partido Popular, die vor vier Jahren die Wahlen gewann und sofort mit dem Bau von grössenwahnsinnigen Autobahnen begann, an denen vor allem der Insel-”Pate” Abel Matutes dick verdient hat. Im Mai sind wieder Wahlen - es wird spannend!


IFPI Schweiz will bei den DJs die Rechte der Dance-Labels für sich abkassieren

Februar 12, 2007

Die Schweizer Sektion der IFPI (International Federation of Phonographic Industries) will nun den DJs an den Kragen: sie fordert happige Beträge von 500 bis 2′000 Franken pro Jahr von jedem DJ, der Promo-CDs von seinen Auftritten an Veranstalter schickt.

Pikant daran: die so eingenommenen Gelder werden gemäss Tages-Anzeiger nicht etwa an die meist recht kleinen Electro-, House- oder Goa-Labels verteilt, die am meisten in den Clubs und an den Parties gespielt werden, sondern proportional nach Gesamt-Verkaufsanteilen der Schweizer CDs - also natürlich an die grossen und fetten IFPI-Mitglieder. Die IFPI scheint einmal mehr in die eigene Tasche zu wirtschaften, und wie immer unter dem Vorwand, die Rechte der Künstler zu schützen.

Das Schweizer Tonstudio “Plärrr Studio Productions GmbH” hat dazu einen offenen Brief geschrieben:
“Die IFPI Schweiz schreibt Negativschlagzeilen. Angeblich zur Wahrung der Rechte der Tonträgerproduzenten wird von DJs, die Promo CDs herstellen, eine Pauschalgebühr eingetrieben. Die Gebühr ist gekoppelt an der Anzahl Auftritte pro Jahr, 500.- bei bis zu 12 Auftritten, 2000.- bei mehr als zwölf Auftritten. Die so erzielten Einnahmen werden anschliessend nach Marktanteilen verteilt, das heisst im Klartext, dass ein House, Trance oder Technolabel, in deren Namen diese Gebühr eingezogen wird, leer ausgeht, IFPI Mitglied hin oder her.
Die ganze Aktion ist reine Geldmacherei und hat absolut nichts mit der Wahrung der Rechte der Tonträgerproduzenten zu tun. Die grossen Labels wie Sony BMG, Warner, Universal und EMI, unter denen diese Einnahmen verteilt werden, haben wohl eher Seltenheitswert auf Promo CDs und haben wohl kaum ein Anrecht auf Beträge, schon gar nicht in dieser Grössenordnung!”

Wie schon in meinem Beitrag “Kreativität, Urheberrecht und die Musikindustrie” erwähnt, verspielt die IFPI jeglichen Goodwill, indem sie unter dem Vorwand des Schutzes der Musiker mit harten Bandagen gegen Musik-Konsumenten und -Nutzer vorgeht, gleichzeitig aber ganz unverfroren nur die eigenen Industrie-Interessen verfolgt.

Nun, die DJs sind auch keine Schäfchen. Manch einer verkauft wohl ein paar Promo-CDs an seine Fans. Es bräuchte ein Online-Lizenzierungs-System, wo sich der DJ per Kreditkarte die Rechte für ein paar hundert CDs kaufen kann. Die so eingenommenen Gelder müssten dann aber an diejenigen Rechte-Inhaber gehen, deren Songs tatsächlich verwendet werden. So etwas kann nicht von der IFPI organisiert werden, die hat schon lange keine Credibility mehr, da braucht es eine neutrale und staatlich überwachte Organisation wie die Swissperform oder die SUISA. Uebrigens: letztere mag schwerfällig sein, aber sie ist viel besser als ihr Ruf.


Popkomm hat Spass gemacht

September 24, 2006

Vergangene Woche war Popkomm und ich war als Aussteller dort im Labelcamp mit meinem Projekt migusto.de, das ich zusammen mit meinem Berliner Partner Mike Pyczak betreibe. migusto ist eine Vertriebsplattform für unabhängige Musiker, die dank unserer Zusammenarbeit mit dem Grossisten JPC dem einzelnen Musiker oder dem kleinen Label den Zugang zum Tonträger-Fachhandel ermöglicht.

Die Popkomm hat Spass gemacht. Viele neue Kontakte und ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten aus der Musikbranche. Besonders gut finde ich bei Popkomm das musikalische Rahmenprogramm, zum Beispiel in der Kulturbrauerei, wo jeden Abend sechs oder sieben Konzerte gleichzeitig stattfanden, sodass man von einem zum anderen spazieren konnte. Gut gefallen hat mir die brasilianische Band “Cabruera”, die einen wilden Mix aus psychedelic, Rock und Samba-Elementen zelebriert. Schrecklich zum Teil die extreme Laustärke, zum Beispiel bei der norwegischen Rockband “WE”, die die Grenze zur Körperverletzung überschritten hat.

Kurz reingeschaut habe ich beim 40jährigen Jubliäumskonzert der deutschen Elektronik-Veteranen “Tangerine Dream”, weil unser Projekt “Schaltkreis Wassermann” oft mit TD verglichen wird. Diesen Vergleich muss ich nun aber entschieden zurückweisen, denn mit so einem kitschigen Bombast will ich nun wirklich nicht in einen Topf geworfen werden.


Polizeikontrolle nach Goa-Party

August 28, 2006

Nach der “Geometrix”-Goa-Party im Raum Olten hat die Solothurner Kantonspolizei in der Nacht zum Sonntag eine gezielte Verkehrs- und Personenkontrolle vorgenommen. Die Basler Zeitung schreibt: “16 von 49 kontrollierten Personen wurden wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz angezeigt.”

Wenn die Polizei nach jedem Volksfest mit Alkohol-Ausschank solche Kontrollen durchführen würde, wäre auch der Einsatz bei der psyTrance-Party angemessen und sinnvoll im Rahmen der Verkehrssicherheit. Da dies aber nicht der Fall ist, entsteht einmal mehr der Eindruck, dass es nur ums Schikanieren einer ungeliebten Neo-Hippie-Subkultur geht. Erstaunlich allerdings, wieviele Trancelovers in die Falle laufen…


“Alkohol und Drogen” an der Streetparade

August 13, 2006

Gestern war StreetParade in Zürich. An jedem der SoundTrucks klebte ein Plakat “Please no Drugs - only Fun and Love”. Dabei weiss inzwischen jeder, dass an der StreetParade die meisten auf Ecstasy (leider meist kein MDMA, sondern irgendeine obskure Mischung), Speed, Kokain und Alkohol sind. Seit zwei Jahren ist der Alkoholverkauf an der Parade offiziell erlaubt, seither ist die Veranstaltung zu einem wüsten Besäufnis heruntergekommen. Dafür werden auf den offiziellen Bühnen die jungen Leute eindrücklich ermahnt, keine Drogen zu nehmen.

“Alkohol und Drogen”, wenn ich diesen dummen Spruch lese, kann ich kotzen: wie stupid muss ein Journalist sein, um nicht zu merken, dass Alkohol eine Droge ist, und erst noch eine ziemlich üble dazu…

Auch im Kumharas, einem meiner Lieblings-Lokale in Ibiza, steht auf einem Schild: “El consumo de drogas esta prohibida en esta localidad” (der Konsum von Drogen ist in diesem Lokal verboten). Und daneben steht eine gut gefüllte Bar mit etwa 100 Schnapsflaschen.

Solange geleugnet wird, dass Alkohol und Tabak harte Drogen sind, solange ist keine Vernunft in der Drogendiskussion zu erwarten. Immerhin gab es an der Streetparade in paar Leute, die das Drogenplakätchen umfunktionierten (siehe Bild), indem sie das “no” von “Please no Drugs” wegfalteten.